Branchentagung 2020

Persönlichkeiten der Schweizer Bierbranche: Die Chancen liegen in der Nische und der Heimat

Beim Mineralwasser zeigt die Tendenz nach unten, beim Bier nach oben: Mit diesen Fakten über das abgelaufene Jahr eröffnete Zentralpräsident Alois Gmür am 15. Januar die Branchentagung des Verbandes Schweizerischer Getränkegrossisten im Hotel Bellevue Palace in Bern. Der Schwyzer CVP-Nationalrat kämpft aktuell mit einem Vorstoss für die Einführung eines Pflichtpfandes bei allen Getränkeflaschen sowie Getränkedosen und damit gegen Umweltverschmutzung und Abfallberge. Die grüne Welle, die das Eidgenössische Parlament bei den Wahlen im vergangenen Herbst erreicht hat, scheint ihm aber nicht ganz geheuer zu sein – zumal sie auch auf die Bierherstellung übergeschwappt ist. Im Kanton Waadt verlangt etwa Grossrätin Jessica Jaccoud (SP), dass alle Restaurants verpflichtet werden, handwerklich gebrautes Bier aus dem Kanton Waadt anzubieten. Die vorberatende Kommission hat die Motion unterdessen in ein unverbindlicheres Postulat umfunktioniert. Auf nationaler Ebene ruft der Waadtländer Nationalrat Samuel Bendahan nach staatlicher Unterstützung für Mikrobrauereien, die ausschliesslich lokale Rohstoffe beziehen oder besonders umweltschonend produzieren.

Klosterbrauereien mit Wettbewerbsvorteilen im Mittelalter

Bei der Tagung standen aber nicht politische Bierideen im Vordergrund, sondern drei Persönlichkeiten aus der Schweizer Brauereibranche, die im wahrsten Sinne des Wortes ein Leben für Hopfen und Malz führen. Als erste Referentin nahm Claudia Graf, die Geschäftsführerin der Sonnenbräu AG im St. Galler Rheintal, die Zuhörer mit auf einen spannenden Ausflug in die Geschichte des Biers im Mittelalter. Damals war Bier bei Jung und Alt beliebt, sogar Kinder tranken es. Erstens wies das mediävale Bier einen tieferen Alkoholgehalt auf als das heutige, und zweitens war das Trinkwasser oft verunreinigt; die Verabreichung von Bier an Minderjährige verstiess damals also nicht unbedingt gegen das Kindswohl. Die Klosterbrauereien konnten im Vergleich zur nichtklerikalen Konkurrenz wegen fehlender Personalkosten, ihres Besitzes an Ländereien und Steuervergünstigungen sehr billig qualitativ hochstehendes Bier produzieren, was im Spätmittelalter immer mehr Proteste seitens der bürgerlichen Brauer provozierte. Graf richtete den Blick aber auch nach vorne. Sie ist überzeugt, dass etwa Präsenz in den sozialen Medien ein wichtiger Faktor zur Kundenbindung ist.

Bierkartell: Wenig arbeiten, viel verdienen

Toni Schneider ist Verkaufsdirektor bei der Doppelleu Boxer AG, bekannt für das Chopfabbier. Schneider blickte zurück auf die Entwicklung des Biermarktes in den letzten 40 Jahren. Als er in die Branche einstieg, herrschte das Bierkartell. Er schilderte mit einer Prise Humor, wie man damals mit wenig Arbeiten viel Geld verdiente. Auch der Prokopfkonsum betrug damals mit rund 70 Litern pro Jahr deutlich mehr als heute (55 Liter). Die Brauereien, sagte Schneider, seien für den Übergang in den freien Markt schlecht gerüstet gewesen. Und plötzlich galten internationale Bierkonzerne als trendig; Weltläufigkeit demonstrierte man, in dem man Bier aus den grünen Dosen der Weltbiergiganten trank. Im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende kehrte dann der Wind. Lokale Brauereien gewannen an Terrain, Bier bedeutet Heimat, viele Konsumenten wollen wieder einen direkten Bezug haben zum Getränk, das sie konsumieren. Trotz des stagnierenden Prokopfkonsums listet die Eidgenössische Alkoholverwaltung mittlerweile mehr als 1000 lizenzierte Brauereien auf. Die 20 grössten Betriebe stellen jedoch 98 Prozent des Inlandausstosses her.

Chancen in der Nische

Auf Biersorten im Luxussegment setzt Martin Wartmann, Gründer der Brauerei Kloster Fischingen und Verwaltungsratspräsident der Actienbrauerei Frauenfeld. Mit dem Pilgrim-Bier ist dem Tüftler ein grosser Wurf gelungen. Wartmann ortet die Chancen der einheimischen Brauereikunst vor allem in Nischenmärkten, etwa in der Herstellung von Craft-Bieren. Er geht davon aus, dass der Anteil des Lagerbierkonsums von heute gut 70 Prozent sinken wird.

In der anschliessenden Podiumsdiskussion hielten Claudia Graf und Toni Schneider fest, dass das Lagerbier auch künftig eine bedeutende Rolle spielen werde. Der stagnierende Prokopfkonsum bereitet der Branche offenbar kein Kopfzerbrechen. Man solle sich freuen, dass hierzulande jeder im Durchschnitt 55 Liter pro Jahr konsumiere, meinte Toni Schneider. Die Zeiten der sogenannten «Heavy users», die täglich literweise Bier tranken, seien vorbei. Selbstverständlich hatte kein Podiumsteilnehmer etwas einzuwenden gegen einen vernünftigen und massvollen Umgang mit Alkohol.

Fest steht derweil auch, dass die Zuwanderung den Bierkonsum stabilisiert. Ein glasklares Statement gegen die Begrenzungsinitiative gab Claudia Graf ab. Toni Schneider und Martin Wartmann wollten sich nicht in die Karten blicken lassen.

Kari Kälin